Samstag, 12. März 2011

CHEW (Comic)


Als diese Serie von Image Comics angekündigt wurde, dachte ich mir: "Das merk ich mir mal, da schau ich mir mal rein, wenn ein Paperback erscheint." Als die Serie dann erschien, hatte sie sofort unerwartet großen Erfolg. Sie ist eines der erfreulichen Beispiele für creator-owned Comics, die sich auf dem amerikanischen Markt erfolgreich etabliert haben. Und das zu Recht.

Der Protagonist Tony Chu ist ein Ermittler mit einer besonderen Fähigkeit, die gleichzeitig eine Bürde ist. Er erfährt beim Essen Details aus dem Vorleben seiner Mahlzeit, bzw. vom Ableben seiner Mahlzeit. Dies ist zwar praktisch bei seiner Ermittlungsarbeit, verhindert aber jeglichen Genuss bei der Nahrungsaufnahme. Und es führt dazu, dass Tony Chu eben auch mal Verbrechensopfern nagen muss. Chew ist also eine skurrile Polizei-Abenteuer-Serie, deren düsteres Setting durch den wunderbar absurden Humor und den eher cartoonigen Zeichenstil von Rob Guillory aufgelockert wird. Die Welt von Chew ist eine ins leicht fantastische gerückte Version unserer eigenen, in der Geflügelzucht verboten ist, ungewöhnlilche Verbrechen geschehen und eine Restaurantkritikerin so lebendig schreiben kann, dass jeder Leser ihrer Kolumne die beschriebenen Speisen schon bei bloßer Lektüre schmeckt.

Chew ist einer dieser Comics, die für mich dieses Medium so großartig machen. Ähnlich wie ich schon bei Johnny Hiro schrieb, wird hier eine unterhaltende Geschichte erzählt, wie sie in anderen Medien kaum vorzufinden ist (auch wenn eine TV Adaption von Chew gerade in Planung ist). Leicht düster, mit viel Humor und fantastischen Zeichnungen. Pulp-Abenteuer mit einer ganz neuen Prämisse, exzellent ausgeführt von Autor und Zeichner.

Wer wie ich Spaß hat an Geschichten, die sich auf der Grenze zwischen Independent und Mainstream bewegen, dem sei Chew wärmstens ans Herz gelegt.

John Layman/ Rob Guillory: Chew
(Fortlaufende Heftserie bei Image Comics. Bisher drei Sammelbände.
Auf Deutsch bisher ein Sammelband, erschienen bei Cross Cult, weitere Bände in Vorbereitung, €16,80)

Offizieller CHEW Blog

CHEW bei Cross Cult

Donnerstag, 10. März 2011

rpm (Comic)


Hin und wieder macht man noch diese zufälligen Entdeckungen im Comicladen. Ich halte mich ja für recht gut informiert, wenn es um Neuveröffentlichungen geht, aber dieses Buch habe ich tatsächlich zum ersten mal auf dem Tisch mit den Neuerscheinungen im Comicladen meines Vertrauens (Ultra Comix in Nürnberg http://www.ultra-comix.de/) entdeckt. Ich habe kurz reingeblättert und die Kurzbeschreibung gelesen. Das hat ausgereicht, um mich spontan zu überzeugen und ich habe das Buch gleich gekauft.

Martina Lenzin erzählt darin eine fiktionale Geschichte aus den 1980er Jahren in England, von der Post-Punk Musikbewegung, von jungen Musikern und Fanzine-Machern. Die erzählte Geschichte wird dabei immer wieder in Einschüben durch die gealterten Protagonisten in einer Interviewsituation nachträglich reflektiert. So wird ein Stück Zeitgeschichte interessant fiktional verarbeitet und der Charme des DIY beschworen, der zum Glück auch heute noch in bestimmten Kreisen fortlebt. Dies spiegelt sich auch in der zeichnerischen Gestaltung, die in einem sehr lockeren Strich daherkommt. Schwarz/weiß, ohne Schattierungen und Schraffuren. Die Übersichtlichkeit leidet zwar ein wenig unter diesem reduzierten Stil, aber dies trübt das Leseerlebnis kaum. Das Layout der Seiten ist spannend und gut gelungen.

Ich empfehle dieses Buch jedem, der Leidenschaft für Musik hat, der etwas mit DIY anfangen kann oder einfach an jungen deutschen Comics interessiert ist.

Martina Lenzin: rpm (erschienen bei Reprodukt, €15,-)
Verlagsseite mit Leseprobe

Samstag, 8. Januar 2011

Pussey! (Comic)


Dan Clowes ist ohne Frage einer der großen Stars des amerikanischen Independent-Comics. Bücher wie "Ghost World" sind moderne Klassiker.
Als in den 1990er Jahren der US-Superhelden Markt durch Spekulanten absurde Formen annahm, Auflagen künstlich in die Höhe getrieben wurden und Zeichner zu Superstars aufstiegen, kommentierte Clowes dies in einer Reihe von Kurzgeschichten um den fiktionalen Comiczeichner Dan Pussey. In diesen Satiren verfolgt der Leser Dan Pusseys Aufstieg zum Starzeichner und die Mechanismen der Superhelden-Industrie.
Clowes´ bissiger Humor, sein Kabinett an skurrilen Figuren und sein gewohnt feiner Strich machen "Pussey!" zu einem großen Spaß für jeden Freund des Independent-Comics.
Pussey!, von Dan Clowes, erschienen bei Fantagraphics.

Samstag, 16. Oktober 2010

Baby´s in Black (Comic)




"Baby´s in Black - The Story of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe" heißt der neue Comic von Arne Bellstorf.
Er erzählt die kurze Liebesgeschichte der deutschen Fotografin Astrid Kirchherr und des Engländers Stuart Sutcliffe von Oktober 1960 bis April 1962. Sutcliffe war zu dieser Zeit Bassist der Beatles, als diese gerade in Hamburg ihre musikalische Laufbahn starteten. Die beiden verlieben sich, Stuart möchte seinen Weg als Maler weiterverfolgen und bei Astrid in Hamburg bleiben, während die Band ihre Musikkarriere verfolgt. Das Liebesglück endet jäh, als Stuart plötzlich an einer Hirnblututng stirbt.
Diese zunächst glückliche und am Ende tragische Liebesgeschichte erzählt Bellstorf in fantastischen, klaren schwarz-weiß Zeichnungen. Die Layouts der einzelnen Panels lassen den Leser die Blicke der Hauptfiguren auf faszinierende Weise nachvollziehen. Oft sind Nebenfiguren oder Passanten so im Anschnitt gezeigt, dass der Leser das Gefühl hat, sich selbst in der Szene zu befinden. Die Panels empfinden das Blickfeld einer anwesenden Person nach.
Besondere Authentizität erhält die Erzählung durch die Entscheidung, die Dialoge sozusagen im Original zu belassen. Es wird Deutsch und Englisch gesprochen (im Anhang findet sich eine Übersetzung der englischen Dialoge). Zudem wirkt alles sehr gut recherchiert. Bellstorf hat selbst mit Astrid Kirchherr gesprochen, beide leben in Hamburg.

Dass dieses Buch im 50. Jubiläumsjahr der Beatlesanfänge in Hamburg erscheint, ist sicher kein Zufall. Und wenn es dem Buch zu mehr Aufmerksamkeit verhilft, kann dies nur begrüßt werden. Ich wünsche "Baby´s in Black" die gleiche Resonanz wie sie Reinhard Kleists Johnny-Cash-Comic "Cash - I see a darkness" erhalten hat. Hier wird eine gefühlvolle Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer musikalischen Weltkarriere erzählt, die in Deutschland ihren Anfang nahm. Damit sollte eigentlich alles für eine breite Leserschaft vorhanden sein und jeder Buchhändler sollte diesen Comic auch einer sonst nicht comiclesenden Klientel ans Herz legen können.

(Exkurs: 1994 kam der Film "Backbeat" ins Kino, der die gleiche Geschichte erzählt. Stephen Dorff spielte damals Stuart Sutcliffe und Sheryl Lee spielte Astrid Kirchherr. Der Film kam damals nicht sehr gut weg, weder bei Kritikern noch an der Kasse. Für mich bleibt vor allem der Soundtrack. Eine Indie-Allstar-Band spielte Lieder ein, welche die Beatles in ihren frühen Tagen coverten. Mitglieder der Backbeat-Band waren unter anderem: Greg Dulli von den Afghan Whigs, Dave Pirner von Soul Asylum, Dave Grohl von Nirvana/Foo Fighters, Mike Mills von REM und Thurston Moore von Sonic Youth.)

Ich empfehle also: Baby´s in Black, von Arne Bellstorf, erschienen bei Reprodukt, €20,-
Link zur Verlagsseite

Samstag, 18. September 2010

Mesmo Delivery (Comic)



Zeichner und Autor Rafael Grampa nennt als Einflüsse für seinen Comic die TV-Serie "Twilight Zone" und den Sam Peckinpah Film "Convoy". Man kann beides erkennen.
Ein ehemaliger Boxer übernimmt den Auftrag, einen Truck mit unbekannter Ladung an seinen Bestimmungsort zu bringen. Dabei wird er von einem Möchtegern-Elvis mit besonderen Matrial-Arts-Fähigkeiten begleitet. Während eines Aufenthalts an einem Truck Stop geraten die beiden mit ein paar zwilichtigen Charaktären aneinander. Dieses Zusammentreffen verläuft äußerst gewaltsam und blutig. Am Ende werden die beiden ihre Reise fortsetzen.

Mit 52 Seiten funktioniert "Mesmo Delivery" tatsächlich wie eine Episode aus der Twilight Zone. Der Leser steigt direkt in die Handlung ein während die Protagonisten bereits auf der Reise sind und verlässt sie wieder, wenn sie ihre Reise fortsetzen. Dazwischen wird eine kurze Geschichte erzählt, welche durch wenige kleine Rückblicke an Hintergrund gewinnt. Dem Leser wird nicht alles erklärt, einiges bleibt mysteriös.
Ganz besonders sind Rafael Grampas Zeichnungen hervorzuheben. Seine Seitenlayouts strotzen vor Dynamik und sein Stil ist unglaublich detailverliebt. Jede einzelne Seite ist ein visueller Genuss.

Die aktuelle Ausgabe enthält zusätzlich Pinups von Gastzeichnern und einiges an Making-Of Bonusmaterial.

Ich empfehle nachdrücklich: Mesmo Delivery von Rafael Grampa, erschienen bei Dark Horse, $9,99.

Montag, 13. September 2010

Ponyo

Kommenden Donnerstag läuft Ponyo nun auch in Deutschland an, der neue Film von Hayao Miyazaki. Wobei er nicht mehr ganz neu ist, nur sehr spät zu uns kommt. Ich hab michg also schon recht lang auf den gefreut.
Leider war die gestrige Preview dann nicht das Erlebnis, das ich mir erhofft hatte. Der Film (im Gegensatz zu den anderen Miyazaki Filmen, die ich gesehen habe) schien nur für kleine Kinder zu funktionieren. Eine Ebene für Erwachsene konnte ich nicht finden. Das ist ja oft das Schöne an den Miyazaki-Filmen, dass sie für alle Altersgruppen etwas bieten (wie Pixar-Filme auch). Aber diesmal hat das leider nicht funktioniert. Schade drum.

Mittwoch, 8. September 2010

Ridley Scott und Russell Crowe

Ich habe mir gerade "Ein gutes Jahr" von Ridley Scott mit Russell Crowe angeschaut. Ein amüsanter und warmherziger Film. Ich hatte viel Spaß und habe auch ein paar mal laut gelacht (was mir ja nicht so oft passiert).
Besonders aufgefallen ist mir erneut, wieviel Spaß es mir macht, Russell Crowe beim Spielen zuzuschauen. Nicht in jedem seiner Filme, aber gerade in den letzten paar Jahren immer wieder. Mir geht es nicht oft so, dass ich das tatsächliche Schauspiel besonders würdigen kann. Ich kann für mich selbst selten beurteilen, ob der Schauspieler besonders gut ist, oder die Führung durch den Regisseur oder ob die Rolle eben so gut geschrieben ist. Meistens ist es wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Und so sollte es wohl auch sein.
Aber im Falle von Russel Crowe (und auch Ellen Page, mal so nebenbei) erfreue ich mich tatsächlich am Handwerk des Schauspiels. "Todeszug nach Yuma" war z.B. ein guter Film, aber Russell Crowes Spiel war ein wahrer Genuss. Ohne dies wäre der Film sicher um einiges uninteressanter ausgefallen (Ben Foster war zwar toll verrückt, aber Christian Bale blieb ungewohnt blass).

Während des Films kamen mir ein paar "Kinopaare" der letzten Jahre in den Sinn und habe diese ein bisschen miteinander verglichen:

Ridley Scott und Russel Crowe
5 Filme in 10 Jahren
www.imdb.com/search/title?roles=nm0000631,nm0000128

Tim Burton und Johnny Depp
7 Filme in 16 Jahren
www.imdb.com/search/title?roles=nm0000318,nm0000136

Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio
4 Filme in 8 Jahren
www.imdb.com/search/title?roles=nm0000217,nm0000138

Über Scorsese und DiCaprio wurde häufig gesagt, dass ihre Zusammenarbeit ähnlich fruchtbar einzustufen ist, wie die Scorseses Arbeiten mit Robert DeNiro. Und tatsächlich hat Scorsese so etwas wie eine Renaissance erlebt, sowohl in Kreativität als auch Erfolg. Trotzdem finde ich die Filme der DiCaprio Phase weit weniger stark als die Filme mit DeNiro.

Über Burton und Depp wird gesagt, dass sich hier zwei verwandte Seelen gefunden haben. Dies ist sicher richtig und ich mag die meisten ihrer gemeinsamen Filme sehr gerne. Man muss aber auch sagen, dass sie in gewisser Weise immer den gleichen Film drehen. Nicht so sehr wie Elvis Presley immer den gleichen Film gemacht hat. Aber Johnny Depp spielt im Grunde immer Tim Burton. Er ist der perfekte Platzhalter für Aspekte des Geistes seines Regisseurs geworden. Alles neurotisch verrückte Charaktere. Der Künstler Burton verewigt sich selbst in seinem Werk durch den Schauspieler Depp.

So komme ich nun zu Ridley Scott und Russell Crowe. Ich denke ihre Zusammenarbeit erfährt weniger Beachtung als die der anderen zwei Paare, ist aber eigentlich die beachtenswerteste. Russell Crowe ist sicher der beste Schauspieler aus dieser Riege. DiCaprio ist immer DiCaprio und Depp ist immer Burton. Und beide haben keine große Bandbreite in ihrem Spiel. Allerdings sind sie auch immer nur die Verlängerung ihrer Regisseure. Scorsese und Burton sind Künstler und DiCaprio bzw. Depp sind ihr Werkzeug. Ridley Scott hingegen ist viel mehr Handwerker als Künstler. Seine Filme sind sehr unterschiedlich im Sujet. Sandalenfilm, Sommerkomödie, Gangsterdrama, etc. Und Russell Crowe glänzt in allen. Sicher sehe ich auch immer den Schauspieler Russell Crowe in diesen Filmen, aber jedesmal füllt er eine andere Rolle aus. Er spielt nicht jedesmal die gleiche Rolle und überzeugt genauso im komödiantischen Fach wie im dramatischen oder abenteuerlichen. DiCaprio und Depp können genauso wenig aus ihren Rollen heraus wie Scorsese und Burton. Scott und Crowe lassen sich nicht festlegen und ihre Zusammenarbeit ist gerade deswegen so spannend. Hier sind zwei Handwerker, die gemeinsam großes Kino erschaffen. In jedem Genre. Wahrscheinlich wird ihre gemeinsame Arbeit genau deshalb nicht so sehr beachtet. Ihre Filme verbindet kein roter Faden. Es gibt keinen Scott/Crowe-Stil. Jeder Film steht für sich alleine, man muss sie nicht ständig miteinander vergleichen. Ich halte dies für eine große Leistung.